
Ich sagte spontan "Ja" als man mir anbot einen Selbstbehauptungskurs für gehörlose Frauen vorzubereiten und zu leiten.
Ich machte mir unendlich viele Gedanken darüber wie ich diese Herausforderung angehen sollte. Ich stellte mir all die Fragen, die sich Leute welche sich noch nie mit der Problematik der Gehörlosen befaßt hatten auch stellen.
Ich durchsuchte das Internet nach passender Literatur und stellte fest, daß bislang niemand Erfahrungen über Selbstbehauptungskurse mit gehörlosen Frauen sammeln durfte.
Ich beschloß ins kalte Wasser zu springen und die Anpassungen des Kurses auf die Bedürfnisse der Frauen mit ihnen gemeinsam zu erarbeiten.
Die Verständigung schien kein Problem, da die Frauen eine Gebärdendolmetscherin mitbrachten. Das erste was ich lernen mußte war, meinen Wortschatz zu vereinfachen und für mich selbstverständliche Begriffe zu umschreiben. Das lag nicht daran, daß die Frauen diese Begriffe nicht kannten, sondern daß die Anzahl der Gebärden beschränkt ist. Ich mußte lernen Worte deutlich zu sprechen um den Frauen die Chance zu geben von den Lippen zu lesen.
Interessant war es zu sehen, wenn die Frauen untereinander diskutierten. Sie unterhielten sich gebärdensprachlich. Dabei konzentrierten sie sich so stark, daß sie teilweise nicht mitbekamen, wenn ich im Thema fortfahren wollte.
Da der Raum in dem wir miteinander arbeiteten mit einem Schwingboden ausgestattet war, konnte ich durch festes Aufstampfen ihre Aufmerksamkeit erregen. Sie spürten die übertragenen Schwingungen und schenkten mir wieder Beachtung.
Im großen und ganzen ähnelten die an mich gestellten Fragen denen der Hörenden. Jedoch kamen oftmals auch Fragen zu alltäglichen Dingen über die sich ein Hörender keine Gedanken macht.
Ein Beispiel:
Eine grundsätzliche Sache ist das Ausstoßen eines Nein-Schreis um dem Angreifer direkt zu zeigen, wenn man etwas nicht will. Neben dem Problem, daß einige der Frauen das Wort Nein nicht exakt artikulieren können, was unerheblich ist, bestand eher das Problem der fehlenden Lautstärke. Wenn ich den Frauen sagte, daß sie lauter schreien sollten, schauten sie mich verständnislos an.
Die Frage war......
Wie kann man selbst die Lautstärke kontrollieren, wenn man keinen Unterschied hört?
Wir erarbeiteten gemeinsam eine Lösung.
Eine der Frauen sagte, daß man einen Luftballon aufblasen und diesen
dann anschreien könne. Anhand der übertragenen Vibrationen könne
man dann die Lautstärke spüren. Wir testeten es und es klappte.
Natürlich sind Rollenspiele ein normaler Bestandteil eines Selbstbehauptungskurses. Um nicht jedesmal auf die Übersetzung des von mir gesagten warten zu müssen, gewöhnte ich mir an die verbalen Aussagen panthomimisch zu unterstützen oder gar zur Verdeutlichung zu überziehen. Zunächst dachte ich, daß die Frauen meinen könnten, daß dies übertrieben sei. Ich hatte Angst, daß man mir Unsensibilität vorwerfen könne, weil ich damit ja konkret auf ihr Handicap weisen würde.
Diese Sorge war unbegründet. Im Gegenteil. Man nahm diese Hilfe dankbar an.
Ich stellte fest, daß die Frauen gezeigte Bewegungsabläufe bei Hand- oder Fausttechniken eher verstanden als Hörende. Als Erklärung bot man mir an, daß sie es gewohnt seien mit den Händen zu reden und so gelernt hätten diese kontrolliert einzusetzen.
Mittlerweile habe ich nun den 3. Gehörlosenkurs
durchgeführt und bin immer noch fasziniert.
Als Abschluß und Hilfe..... Das
Fingeralphabet
|